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Außerdem gibt es hier das vollständige Märzmärchen der Aktion auf Instagram:

Es war einmal, dass die Kinder von Schneeweißchen und Rosenrot vor dem Haus mit Steinen spielten. Rosenranken umwanden Zaun und Tor seit jeher. Ihr intensiver Duft wahr noch weit entfernt wahrzunehmen.
Obwohl sie nun längst mit Prinzen verheiratet waren, pflegten Schneeweißchen und Rosenrot das alte Häuschen mit den Ranken und das aus den Blütenblättern hergestellte Rosenwasser brachte dem Volk Freude.
Zu jener Zeit aber trug es sich zu, dass ein Gelehrter die alten Schriften studierte und meinte, einen Schatz gefunden zu haben. So kam es, dass sich Fremde in der Stadt herumtrieben und die Leute ausfragten. Schließlich fanden sie das Häuschen, abgelegen von der Stadt, am Fuße der hohen Felsen.
Die Kinder spielten ungestört und bemerkten den Fremden zunächst nicht.
Die Rosen betörten derart mit ihrem Duft, dass der Gelehrte gierig die Hand ausstreckte, um eine zu brechen.
Doch sobald sich seine Hand den Rosenranken näherte, stachen ihn schmerzhaft lange Dornen. Mehrfach versuchte er es erfolglos. Er war derart auf die Blumen fixiert, dass er die Anwesenheit der Kinder nicht bemerkte.
"Was willst du hier?"
"Ich möchte meiner Frau eine dieser schönen Rosenblüten mitbringen." Das war natürlich gelogen, doch die Gier zwang ihn zur Unwahrheit.
"Die kann man nicht pflücken. Ihnen wohnt ein Zauber inne."
Doch der Gelehrte gab sich damit keinesfalls zufrieden. Er war wie das Kind, das eine Blume abrupfen und besitzen musste und nicht zulassen konnte, dass andere sich an ihr erfreuten. Und so war es auch mit jenem Schatz, der unter den Wurzeln der Rosenranken vergraben sein sollte. Ungenutzt! Was für eine törichte Verschwendung!
Er wunk das Kind herbei, das auf der anderen Seite des hüfthohen Zauns stehen blieb.
"Willst du dir etwas verdienen?" Eine alte Münze rollte über die Finger seiner rechten Hand. "Ich tausche sie gegen eine Blüte."
Zaghaft schüttelte das Mädchen den Kopf: "Das geht nicht. Und ich brauche sie nicht."
Aus der Tasche holte er ein Feuerzeug und ließ die Flamme aufleuchten, mit der anderen Hand packte er den kleineren Jungen, der neugierig auf die Flamme starrte, am Kragen. Sofort reckten sich einige der Zweige der Hecke nach seinem Arm.
"Gib mir eine der Rosen. Du willst doch nicht, dass dem kleinen hier etwas zustößt, oder?"
Zurückhaltend streckte das Mädchen die Hand nach einer der Rosenblüten aus. Tränen rannen ihre Wangen hinab, als sich die Dornen schmerzhaft in ihr Fleisch bohrten.
"Rosalia! Was tust du da?" Mit jedem der Worte schwand die Kraft in der Hand der Gelehrten, der Junge entglitt seinem Griff und rannte zum Haus. Rosenrot zerrte das Mädchen von der Hecke fort. Der Fremde trat einige Schritte zurück und stützte sich stöhnend auf seinen Stock.
"Sie wollte mir eine Rose schenken."
"Geht ins Haus." Der Fremde wankte weiter zurück. Jedes Wort bohrte sich wie ein Stachel in ihn, beraubte ihn der Kraft. Mit dieser Macht hatte er nicht gerechnet. Offenbar schützte der Schatz nicht nur die Rosenranken.
Mit einem "Ich komme wieder" wand er sich ab und ging dreibeinig davon.

Am Stadttor zog der Fremde ein dünnes Pergament aus seiner Tasche und betrachtete es. Auf der gezeichneten Karte waren wichtige Orte des Märchenlandes eingetragen. Angestrengt dachte er nach. Viele Schriften hatte er studiert, unzählige Details und Geheimnisse erfasst. Noch immer ärgerte er sich, den Schatz nicht in die Hände bekommen zu haben. Also sann er nach einer Möglichkeit, wie er ihn dennoch bekommen könnte. Sähe er aus wie einer der Könige, wäre es bestimmt ein leichtes, daran zu kommen. Nachdenklich rieb er sich über die Bartstoppeln. Er musste ins Tal der sieben Berge. Die Zwerge verwahrten die Besitztümer der Zauberin, die einst Schneewittchen hatte töten wollen.  Darunter befand sich auch ein Kleidungsstück, dass in den Schriften unter anderem als Umhang aus Drachenhaut benannt wurde und seinem Träger ermöglichte, die Gestalt zu wechseln. Allerdings waren die Texte im Bezug auf Beschaffenheit und Größe recht verschieden.
Während er die Karte zusammenfaltete, entschied er, sich zu den Zwergen zu begeben. Die Dienste eines Zauberer wollte er nicht in Anspruch nehmen. Zu groß waren seine Befürchtungen, dieser könnte von dem Schatz erfahren und vor ihm daran gelangen.
Mittlerweile hatte er sich etwas erholt und sein Schritt gewann an Schwung. Des Abends konnte er bereits den ersten Stolleneingang des Zwergenbergwerks ausmachen. Da er die Zwerge als gastfreundliches Volk wusste, beschloss er, in der Schenke einzukehren und sich umzuhören. Schließlich lebte im Tal zwischen den sieben Bergen und rundherum eine Vielzahl Zwerge. Welche nun diejenigen waren, bei denen Schneewittchen einst unterkam und welche nun die Besitztümer der ehemaligen Königin verwalteten, musste er zunächst eroieren.
Der Gastraum war gut gefüllt, neben Zwergen waren einige Händler eingekehrt und so beschloss er, sich ebenfalls als Handelstreibender auszugeben.
In seinem Beutel hatte er einiges zum Tausch.
Mit einem Schwarzbier setzte er sich an einen der massiven Eichentische und lauschte den Unterhaltungen. Es dauerte nicht lange, da wurde er gefragt, woher er kam, wohin er wolle, was er tat. Schnell kam er so ins Gespräch und lenkte es beiläufig auf jene Dinge der Königin. Doch deren Aufbewahrungsort hielten die Zwerge geheim und selbst nach etlichen Runden Bier hatte er die gewünschte Auskunft nicht. Er konnte nur in Erfahrung bringen, wo die Hütte lag und in welchen Bergwerk jene Zwerge schürften.
Am frühen Morgen begab er sich dorthin. Vor der Hütte war ein kleiner Garten angelegt, geziert mit allerlei Schnickschnack und bewacht von einer riesigen Vogelscheuche im Federkleid. Die Zwerge waren bereits bei der Arbeit und das Haus verlassen. Ein Gemälde zeigte Schneewittchen, den König und die Zwerge. Er war also im richtigen Haus. Doch in allen Ecken und Winwin, in allen Truhen und Kisten war weder eine Spur von besagter Drachenhaut noch von den anderen Gegenständen, die die Zwerge verwahrten. Ob sie die Dinge im Bergwerk versteckt hatten?
Der Gelehrte machte sich auf zum nahe gelegenen Eingang und betrat gebückt den Stollen. Bereits nach wenigen Metern erhellten Fackeln spärlich die Dunkelheit des leicht abschüssigen Tunnels. Tastend bewegte er sich langsam vorwärts. Zunächst vernahm er nur das Echo seiner eigenen Schritte, doch bald erreichte der Gesang der Zwerge sein Ohr. Er folgte den Stimmen und den Geräuschen der Metallwerkzeuge auf hartem Fels bis zu einer Gabelung. Jetzt war er ganz nah, vorsichtig lugte er um die Ecke. Die Zwerge in der Höhle waren nur zu zweit.
Der Fremde zog ein altes Büchlein aus der Tasche, straffte sich und trat in die Höhle.
"Glück auf. Ich komme von weit her und möchte Euch ein Angebot zum Tausch anbieten, das Ihr unmöglich ausschlagen könnt."
Neugierig blickten ihn die Zwerge an, wie er das Büchlein in die Höhe hielt.
"Ich tausche diese alte Buch mit Geheimnissen aus dem ganzen Märchenland gegen die Drachenhaut der bösen Königin."
Bei den letzten Worten sog einer der beiden Zwerge scharf die Luft ein. Seine Augen blitzten. Doch der andere knuffte ihn mit dem  Ellenbogen in die Seite.
"Dieser Gegenstand ist weder zu kaufen noch zu tauschen. Und Ihr macht nicht den Eindruck, ihn zu verdienen. Nur besondere Menschen erweisen sich ihm würdig und er zeigt sich ihnen. Falls Ihr ihn finden solltet, so gehört er Euch. Doch seid gewarnt ob seiner Macht, die sich auch schnell gegen seinen Besitzer wenden kann."
Mit einem Schlag der Spitzhacke gegen den Felsen rieselten Steinchen und Staub von der Decke. Der Fremde wich zurück. Panik überkam ihn. Sie Zwerge waren verschwunden und er floh aus dem Stollen nach draußen.



Schon fühlte er die Sonnenstrahlen auf seiner Haut, als der Boden unter seinen Füßen nachgab und er mit samt der Erde in einen Tunnel stürzte. Steil ging es nach unten, immer tiefer hinab rutschte er auf dem schlammigen Untergrund.
Am Ende landete er sitzend in einem flachen, klaren See, der von Tropfsteinen umgeben war. Schmale Öffnungen in der Decke ließen etwas Tageslicht in die kleine Höhle. Fluchend hieb er mit den Fäusten ins Wasser und war gleich von Kopf bis Fuß durchnässt. Hastig stand er auf und watete aus dem Wasser. Dabei wühlte er feines Sediment auf und das Wasser trübte sich. Der kalkbedeckte Boden war feucht und mit den nassen Schuhen extrem rutschig. Tastend und tippelnd kam er voran und zwängte sich durch einen engen Spalt, aus dem mehr Licht wahrzunehmen war. In dünnen Rinnsalen floss das Wasser neben dem Weg und mündete erneut in einen unterirdischen See. An einer Seite der Höhle führte ein Tunnel nach draußen, Vogelgezwitscher drang herein. Erleichtert seufzend trat er nach draußen. Eine weite Wiese, durchzogen von Bächlein und mit vollen Obstbäumen lag vor ihm. Vom ersten Apfelbaum pflückte er sich eine Frucht und drehte erstaunt den Kopf: Hatte er da gerade ein leises Aua vernommen. Sicher war es dem Sturz und dem unfreiwilligen Bad geschuldet und so ging er weiter und biss in den saftigen Apfel. Saft rann ihm das Kinn hinab. Die Sonne brannte hell auf das grüne Gras und lud geradezu zu einem Nickerchen ein. Der Gelehrte entledigte sich des nassen Mantels und Hemdes und legte beides breit in die Sonne zum Trocknen. Selbst streckte er sich im Schatten eines der Obstbäume aus und fiel alsbald in tiefen Schlaf.
Als er erwachte stand die Sonne bereits tief. Gähnend streckte er sich. Durstig schlüpfte er fröstelnd in das steife Hemd und sah sich nach den Bächlein um, die er die Wiese hatte durchziehen sehen. Schnell wurde er fündig. Doch als er sich zum Trinken niederbeugte, murmelte das Bächlein "Wer aus mir trinkt, wird ein Huhn." Erschrocken fuhr er auf und setzte seinen weg fort. Das wollte er nun wirklich nicht. Hühner wurden gegessen.
Bald fand er ein anderes Bächlein. Doch auch dieses begann zu flüstern sobald er sich dem Wasser näherte: "Wer aus mir trinkt, wird eine Maus." Nun wurde es dem Gelehrten klar: er war im Tal der hundert Bächlein, in dem eins Brüderchen und Schwesterchen wanderten.
Nun musste er nur noch jenes Gewässer finden, das ihn in einen Bären oder ähnliches verwandelte. Schließlich hatten sich Schneeweißchen und Rosenrot einst herzzerreißend um den verletzten Meister Petz gekümmert.
Im Licht der untergehenden Sonne suchte er nach dem nächsten Bächlein.

Auch das nächste Flüsslein murmelte nicht eines der gewünschten Tiere.
Da der Himmel nach dem Untergang der Sonne bereits fahl wurde, sah er sich im Dämmerlicht nach einem Schlafplatz um. Etwas entfernt am Waldrand konnte er mit zusammengekniffenen Augen etwas wie Hütten ausmachen. Und da ihm jeder Schlafplatz auf seiner Suche recht erschien, ging er darauf zu. Die Möglichkeit eines wärmenden Mahls beschleunigte seinen Schritt, als er ein schwaches Licht durch eines der Fenster sah. Die immer noch feuchten Schuhe machten ein leises, schmatzendes Geräusch.
An der Hütte angekommen, klopfte er an die  Tür, die erzitterte. Überhaupt hatte der Gelehrte den Eindruck, das Häuschen könnte beim nächsten Windstoß zusammenbrechen.
Eine bucklige Frau mit knorrigen Händen und strähnigem weißen Haar öffnete die knarrende Tür und blickte ihn mit zusammengekniffenen Augen entgegen.
Der Duft einer kräftigen Suppen kitzelte seine Nase und das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Die Hütte war so spärlich beleuchtet, dass er kaum etwas erkennen konnte.
Ein Schlag trat sein Bein "Spricht er nicht?" Die Stimme der Alten war ob ihrer gebrechlichen Erscheinung unerwartet kräftig.
"Doch, ähm, ich suche nur ein Lager für die Nacht und vielleicht etwas zu essen. Als Gegenleistung kann ich ein Büchlein mit allerlei Wissen oder eine alte Münze bieten."
"Nun komm er doch erst einmal herein und setze sich. Die Gegenleistung wird er am Morgen erfahren."
Bei den Worten der Alten, die mit Stock davon ging, wurde dem Gelehrten doch etwas flau im Magen. Schließlich hatte er genügend Märchen studiert um zu wissen, dass nur all zu oft eine Falle dahinter wartete. Doch ehe er sichs versah, saß er an einem Tisch, der im Gegensatz zum Haus massiv und stabil anmutete und hatte eine Schüssel dampfender Suppe vor sich. Augenblicklich meldete sich auch sein Magen laut knurrend. Die wenigen Äpfel am Tag und das karge Frühstück in der Zwergenschenke nach durchzechter Nacht waren wahrlich nicht ausreichend.
Die Wärme der Suppe breitete sich wohlig in seinen Gliedern aus und machte ihn schläfrig.
"Gebe er mir die Schuhe und nassen Sachen, damit sie beim Ofen trocknen können."
Ohne Widerstand händigte er der Alten alles aus und legte sich auf eine Liege in der Nische beim Ofen, die sie ihm wies. Augenblicklich sank er in tiefen Schlaf.

Vogelzwitschern weckte ihn am nächsten Morgen. Im Fensterrahmen krächzte ein Rabe.
Der Gelehrte streckte und dehnte sich. Die Alte rührte bereits im Topf. Täuschte er sich, oder war sie etwa jünger im Vergleich zu gestern? Mit dem Gedanken, dass es am fahlen Licht gelegen hatte, schob er die Bedenken bei Seite und ging vor das Häuschen, um sich zu waschen. Die Waschschüssel füllte er mit kühlem Wasser aus dem Holzkastenbrunnen.
Er holte einen weiteren Eimer Wasser nach oben, füllte ihn in einen der leeren Eimer und trug ihn ins Haus.
Die Alte bedachte ihn mit einem Nicken und füllte Schüsseln mit maschigem Brei.
Ein kleines Mädchen kam zum Tisch und setzte sich neben den Fremden. Ihr Haar war lang und ordentlich zu einem Zopf geflochten. Mit grüngrauen Augen blickte sie ihn neugierig an. Die Alte mahnte sie mit einem Räuspern und schweigend aßen sie alle den Brei.
Hustend stand die Alte auf.
"Geh, Kind, hol etwas Frauenhaar. Es soll mir Linderung verschaffen." Und zu ihrem Gast gewandt: "Schlägt er uns drei Fuder Brennholz und seine Schuld ist getilgt."
Die Alte ging voraus, ein klappriges Dach aus zwei Holzwänden diente als Regenschutz für das Feuerholz. Die Axt steckte im Hauklotz, der Gelehrte sah jedoch gleich, dass er sie würde schleifen müssen. Rost zierte das Blatt.
Die Alte hustete röchelnd, eine kräftige Böe zauste ihr Haar und einige Haare wehten lose durch die Luft, legten sich auf die Axt und im Nu erschien sie glänzend und scharf.

Schnell war etwas mehr als der Fuder Holz gehackt und sauber unter dem Dächlein gestapelt. Der Magen des Fremden meldete sich lautstark, die Sonne stand bereits im Zenit.
So nahm er sein Hemd, dessen er sich zeitweilig entledigt hatte und betrat die kleine Hütte.
"Gehe er mit dem Kinde und weide mir ein Kaninchen aus. Es soll uns morgen zum Mittagsmahle dienen."
Verdutzt schaute der Gelehrte: die Stimme der Alten klang deutlich klarer. Waren da schwarze Strähnen im Haar, das gestern nachts noch schlohweiß erschienen war? Oder irrte er nur?
Rührend stand die Alte mit dem Rücken zu ihm am Topf. Brodelnd kochte eine Gemüsesuppe darin.
Das Mädchen fasste ihn am Hemdsärmel und er folgte. Mit einem vollen Magen wanderte es sich deutlich besser. Und seine Gastgeberin wollte er unmöglich verärgern.
Er blieb hinter dem Mädchen, dass ihn stumm führte. Auf einer kleinen Lichtung blieb es stehen und zeigte auf ein Kaninchen, das in einer Schlinge zappelte.
Der Gelehrte stand ratlos da. Irgendwo hatte er einmal gelesen, wie ein Kaninchen ausgeweidet und gehäutet wurde, doch die Erinnerungen waren blas. Zumal er keine Ahnung hatte, wie das Tier zu töten war. So sann er nach einer Lösung. Zunächst befreite er das Tier aus seiner Schlinge und band ihm die Läufe zusammen, damit es nicht fliehen konnte. Er benutzte jedoch einen magischen Knoten, den er irgendwann mal in einem Zaubertrickbuch gesehen hatte. Über kurz oder lang würde sich das Kaninchen befreien und fliehen. Doch das Mädchen zückte ein Messer und hielt es ihm erwartungsvoll entgegen.
Sollte er jetzt etwa hier im Wald - ? Das Langohr zappelte in seiner Hand, er spürte bereits, wie die Schnur sich löste. Doch der Griff des Mädchens um das strampelnde Tier war unnachgiebig, ebenso ihr fordernder Blick.
Unbeholfen hielt er die blanke Schneide an die Kehle des Tieres. Seine Lippen verzogen sich vor Ekel, als sie hindurch glitt und Das Blut pumpend heraus spritzte. Der Gelehrte wand den Blick ab und hustete würgend.
Rot leuchteten im Sonnenlicht das Blut auf dem Farn. Der Todeskampf des Kaninchens dauerte nicht lange und noch bevor es erstarb knüpfte das Mädchen das Tier an einem Hinterlauf auf und blickte den Gelehrten erneut an. Sie wollte doch nicht etwa - ? Erneut musste er ein Würgen unterdrücken. Der metallische Geruch des Blutes legte sich über alles.
Konzentriert dachte er an die Darstellungen im Fachbuch für Tierschlachtung, atmete einmal tief durch und begann den Körper des Kaninchens auszunehmen. Die glitschigen Eingeweide warf er weit von sich, einzig das Herz behielt er. Dann zog er vorsichtig die Haut ab, durchtrennte mit dem Messer die Sehnen zwischen Muskelgewebe und Haut. Als er fertig war, lief ihm der Schweiß in Strömen den Rücken hinunter. Das Hemd klebte an ihm und er fühlte sich elend.
Das Kind trug einen Lederbeutel mit dem Fell, er hielt den Kadaver mit ausgestrecktem Arm vor sich, während sie zur Hütte zurück gingen.
Die Schüsseln mit dampfender Suppe warteten bereits auf dem Tisch. Die Alte saß auf einem Schemel und fügte aus Scherben einen Topf mit Ton zusammen.
Obwohl Brot und Suppe gar köstlich dufteten, wollte dem Gelehrten kein Appetit kommen. So nahm er seine Habe und verabschiedete sich hastig von der Alten mit ihrem Kinde.
Noch während er die klapprige Tür schloss, hörte er ein leises Flüstern: "Töpfchen koch!" und augenblicklich kroch ihm der Geruch von süßem Hirsebrei in sie Nase.
Doch er hatte genug Zeit vertrödelt. Er musste einen Weg finden, an den Schatz zu kommen.

Auf einer Lichtung lehnte er den Stock, den er im Wald zuvor gefunden hatte, an einen umgestürzten Stamm, setzte sich darauf und zog die Märchenlandkarte aus seinem Mantel. Ein Teil war wohl feucht geworden und die Tinte verwaschen. 

Sein Magen beschwerte sich laut über das fehlende Mittagsmahl, doch der Gedanke an die Schlachtung des Kaninchens bereitete ihm erneut Übelkeit und so studierte der Gelehrte weiter die Karte.

Bereits auf dem Weg von der Hütte weg hatte er überlegt, was sein nächstes Ziel sein sollte. Der Zwergenstollen hatte ihn auf wundersame Weise mehrere Tagesreisen entfernt wieder ans Tageslicht gebracht. Nun, da er zu weit entfernt von der magischen Drachenhaut war, dachte er über Alternativen nach. Die Dienste eines Zauberers oder einer Hexe wollte er nicht in Anspruch nehmen, zu sehr hatte ihn der Aufenthalt bei der Alten mit ihrem Kind gegruselt.

Wenn die Karte stimmte, dann war es neben dem Tal der murmelnden Bächlein die Hütte der Zauberin mit Rapunzel gewesen. Auch wenn sie das Kind vor ihm nie beim Namen genannt hatte. 

Nachdenklich betrachtete er die Karte. Er musste sich beeilen. Der nächste Neumond war nicht mehr fern und er würde zurück müssen. Mit oder ohne Schatz.

Ob er es wagen konnte ins Riesengebirge zu gehen? Die Bewohner dort, die Riesenzwerge, waren als ungehobelt bekannt, verstanden sich jedoch vortrefflich auf die Zucht von Kräutern und Gewächsen aller Art. So waren auch Aschenbrödel und Allerleihrau zu ihren Zaubernüssen gekommen. Möglicherweise konnte ihm etwas ähnliches helfen, an den Schatz zu kommen. Und das Riesengebirge lag nahe, am Abend würde er dort sein.

Unterwegs kam er in ein Dorf nahe des Gebirges, im Wirtshaus aß er zu einem Krug Gertensaft ein Stück Brot und Dörrfleisch. Gestärkt begann er den Aufstieg. Der graue Fels war schroff und verwittert. Große Brocken lagen am Wegrand, an manchen Stellen sah der Gelehrte riesige Vertiefungen, die Schuhabdrücken glichen. Ein wenig mulmig war ihm ab der Maße schon, doch die Aussicht auf den Schatz trieb ihn an. Er wollte ihn unbedingt und die Zeit wurde knapp. 

Die Sonne begann bereits, die grauen Felsen in rotoranges Licht zu tauchen als er Stimmen wahrnahm. Vorsichtshalber verbarg er sich hinter einen Felsvorsprung und lugte zwischen einem Spalt hindurch. Feixend liefen mehrere Riesenzwerge den Weg entlang, Harke und Forke geschultert bemerkte sie ihn gar nicht. Unauffällig folgte er ihnen, gewiss gingen sie nach ihren Behausungen und da die Sonne bereits unter den Horizont gesunken war, spürte er auch die Müdigkeit. 

Langsam schlich er der Gruppe hinterher, an Weggabelungen kamen weitere Riesenzwerge mit unterschiedlichen Werkzeugen dazu: Sägen, Sicheln, Äxte, Sensen, Schaufeln. Einige trugen Jutesäcke oder Körbe voll Gemüse, andere an Stöcke und Schnüre geknotete Kräuter. 

Bald war die Gruppe auf über ein Dutzend Riesenzwerge angewachsen. Alle waren mindestens zwei Kopf größer, als der Gelehrte und von gedrungener kräftiger Statur.

Unerwartet knackte ein Ast hinter ihm und dann wurde er auch sogleich unsanft in die Höhe gehoben: "Na, was haben wir denn hier für ein Bürschchen?", dröhnte es aus dem bärtigen Gesicht mit eisblauen Augen. 

"Ich - ich bin nur ein Freund des Weges und auf der Suche nach einer Unterkunft für die Nacht."

"So, so. Mein Cousin Fred hat mich erst gerade vor so einem Herumtreiber gewarnt, der durch die Lande zieht und nach allerlei Ausschau hält. Und seine Beschreibung passt haargenau auf dich." Dabei tippte der Riesenzwerg den Fremden unsanft mit seinem globigen Finger gegen die Brust.

Ein anderer warf ein Seil herüber und im Nu fand sich der Gelehrte gefesselt über der Schulter seines Fängers.



Der schaukelnde Schritt des Riesenzwerges ermüdete den Gelehrten und wiegte ihn in den Schlaf.

Als er wieder erwachte fand er sich in einem schwach beleuchteten Raum. Mantel samt Karte fehlte ihm ebenso wie das Taschenmesser. Seufzend setzte er sich auf. Wenigstens war er nicht gefesselt.

Eine metallene Schüssel rutschte scheppernd über den Steinboden. 

Ein grünlicher Brei befand sich darin, der einen leicht modriger Geruch verströmte. Sein Magen zog sich vor Hunger schmerzhaft zusammen und so tunkte er den Finger erst etwas in den Brei und leckte ihn dann vorsichtig ab. Ein süßlich herber Geschmack, der ihn an Waldmeisterlimonade erinnerte, erfüllte seinen Mund. Gierig leerte er die Schüssel schleckte er die Finger ab. Nun war er zwar satt, sein Hals jedoch trocken wie die Wüste Im fahlen Licht blickte er sich um. Der Raum war nicht besonders groß, hatte keine Fenster und keine Möbel außer einem kleinen Schemel und etwas, auf dem er gelegen hatte und was als Schlafstätte diente. 

Der Gelehrte lauschte: Von irgendwo her drangen Stimmen zu ihm, die Worte konnte er jedoch nicht verstehen. 

Er versuchte, geräuschlos aufzustehen und tastete die Wand nach einer Tür ab. Dann die nächste. Auch bei der dritten wurde er nicht fündig. 

Unerwartet öffnete sich knarrend hinter ihm eine Tür. Gebückt traten zwei Riesenzwerge ein. Der kleinere reichte ihm eine Flasche, die der Gelehrte gierig öffnete und sich den Inhalt ohne zu zögern in den Mund schüttete. Hustend schluckte er. 

"Was meinst du sollen wir mit dem Winzling machen?"

"Bleiben kann er jedenfalls nicht! Die Portale sind nur für die Phantasie gemacht und nicht, damit hier jeder herumspazieren und sich nehmen kann, was ihm gefällt. Magisches bleibt im Märchenland. Soll Bertram entscheiden, was mit ihm geschieht." Damit hob er den Gelehrten hoch wie eine Feder und warf ihn auf die Schulter. Hustend und strampelnd wehrte dieser sich, doch ohne Erfolg. Draußen sah er, dass der neue Tag längst begonnen hatte, die Sonne stand hoch über den Holzhütten.

"Bertram, was sollen wir mit ihm machen?" Unsanft landete der Fremde auf einem viel zu gewaltigen Schemel. 

"Ich habe bereits einen Boten losgeschickt. Am Abend holt ihn eine Kutsche am nördlichen Gebirgsrand ab, dann sind wir ihn los."

"Gut. Für den Fußmarsch braucht er neues Schuhwerk. Damit kommt er keine zehn Schritte weit."

Sohle und Oberschuh klafften an den Schuhspitzen auseinander wie ein geöffneter Mund.

"Sicher finden wir etwas passendes, dass ihn zumindest nach Hause bringt. Lasst ihn sich waschen und gebt ihm frische Kleider. 


Kurze Zeit später machten sich eine Gruppe von sechs Riesenzwergen mit dem Gelehrten in ihrer Mitte auf zum Treffpunkt. Die Schuhe drückten und rieben an seinen Füßen. Bald begann er wehleidige Geräusche auszustoßen und zu klagen.

"Hier wird nicht gejammert! Geh weiter!" So biss er die Zähne zusammen und lief. Die abschüssige Strecke brachte ihn ein ums andere Mal zum taumeln, doch wenn er zu fallen drohte, so hielt ihn einer der Riesenzwerge. 

Seine Gedanken kreisten erneut um den Schatz und wie er ihn dennoch erlangen könnte. 

Doch an den Riesenzwergen vorbei gab es kein Entkommen. Zumal er dringend durch das Portal zurück musste, sonst wäre er Monate vielleicht sogar Jahre oder für immer im Märchenland gefangen. Er bevorzugte es, diesmal mit leeren Händen zurückzukehren und bei der nächsten Gelegenheit mit einem ausgereiften Plan einen neuen Versuch zu wagen. 

Bald öffnete sich die Felswand auf der einen Seite und eine saftige grüne Wiese überzog die Ebene. Pferdeviehern war aus der Ferne zu hören und bald sahen sie in der Nachmittagssonne eine einspännige Kutsche gezogen von einem Schimmel. Am Fuß der Berge hielt sie, die Riesenzwerge waren mit dem Fremden nur wenige Schritte entfernt und wunken. Der Gelehrte konnte weder Kutscher noch Fahrgast ausmachen. Mit den Fingerspitzen seiner globigen Hand öffnete einer die Tür der Kutsche und gab dem Gelehrten einen leichten Schubs.

"Wie vereinbart?", Piepste eine Stimme vom Kopf des Pferdes her.

"Ja, zum nächsten Portal. Wir kümmern uns um die Sicherung." 

Der letzte Satz ließ den Gelehrten aufhorchen. Sollte der Zugang dann für immer verwehrt werden? 

In der Kutsche streifte er vorsichtig die Schuhe von den Füßen. Rote Stellen und dicke Blasen, von denen einige bereits offen waren, bereiteten ihm Schmerzen. 

"Habt vielen Dank. Ihr hört von uns."

Die Stimme war neben ihm! Langsam drehte er sich in die Richtung und erkannte ein Füchschen, dessen roter Kapuzenumhang sich kaum von der Farbe der Sitzpolster abhob.

Derweil entfernten sich die Riesenzwerge  die Kutsche setzte sich in Bewegung.

"Sieh unter die Sitzbank. Da gibt es ein paar weiche Schuhe und Salbe für die Wunden. 

"Nicht dein Ernst! Hasenpuschen?"

"Gut bei Blasen an den Füßen." Damit drehte sich das Füchschen zum Fenster auf seiner Seite und schaute den rötlichen Himmel an.


Kaum war er mit der Salbe fertig und in die flauschigen Puschen geschlüpft, hielt die Kutsche.

"Wir sind da", flötete es vom Pferd her. Etwas kleines wie ein Schmetterling flog auf. Das Füchschen öffnete auf seiner Seite die Tür, doch als der Gelehrte es ihm gleich tun wollte, gelang es ihm nicht. 

"Vergiss es, das ist eine magische Kutsche", zwitscherte es neben seinem Kopf. Ein Faden ward um seinen Hals gelegt.

"Damit du uns nicht wegläufst. Der Gelehrte strich mit den Fingern darüber, konnte es aber nicht fassen. Das kleine geflügelte Wesen hielt das andere Ende in den zarten Händchen.

"Los jetzt. Das Portal ist nicht mehr lange offen."

Glaubte sie wirklich, dass er weglief? Zu angenehm und gut war sein normales Leben. Eintauschen gegen das beschwerliche hier wollte er es keinesfalls. 

"Komm. Ich weiß, dass du nach dem Schatz von Schneeweißchen und Rosenrot trachtest. Doch dein Herz ist zu gierig und blind. Liebe, Vertrauen, Fürsorge und Zuneigung sind der Schatz, den du nie bekommen wirst. Aber die Schuhe der Riesenzwerge und das Haar der Alten im Wald, das noch in deiner Tasche hängt, kannst du als Andenken mitnehmen. Besuche im Märchenland sind der Phantasie vorbehalten. Durch die vielen Portale kann die Phantasie jederzeit eintreten. Doch herkommen und magische Schätze stehlen ist nicht möglich. Denn die größte Magie ist die, alle Lebewesen gut und liebevoll zu behandeln und das Leben zu achten." Mit den Worten gab sie dem Fremden einen Schubs gegen die Schulten und er tauchte in den Wassertropfen an der Blattspitze ein und ward nie mehr wieder im Märchenland gesehen.

Und wenn sie in eurer Phantasie nicht gestorben sind, so leben die Märchenfiguren noch heute.




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Karla Schulz

Wer ich bin? ich bin Karla, geboren Anfang der '80er Jahre in der grünen Mitte Deutschlands, interessierte ich mich früh für Texte und fürs Schreiben.
Inspiriert zunächst von Größen wie Michael Ende und Astrid Lindgren, später von Wolfgang Holbein, John Grisham und Stephen King, kam bereits in der Grundschule der Wunsch nach einer Schriftstellerkariere auf. Doch mit Ende der Schullaufbahn verlor sich das Schreiben und die Buchstaben kamen erst 2016 wieder im meinen Alltag zurück. Und seither sind sie geblieben.